Iran

Der Iran ist in vieler Hinsicht eine der besondersten Länder auf unserer Reise. Nicht nur weil wir im Iran am weitesten weg sind von unserer Heimat.

 

Vor allem aber hört man dann doch sehr viele für uns sehr fremde und unverständliche Dinge aus dem Iran. (Kopftuchgebot, Rechtsprechung nach der Scharia,  usw...) Aber um es schon mal vorweg zu nehmen: Wir haben ausnahmslos gute Erfahrungen gemacht und können den Iran als Reiseziel nur empfehlen!

 

Unsere Einreise in den Iran war dann aber doch eher chaotisch. Neue Währung, deren Wechselkurs nicht klar ist (auf der Strasse bekommt man um einiges mehr als in offiziellen Wechselstuben), Alles Geld muss man bar mitnehmen (Der Iran ist vom internationalen Finanzmarkt abgeschlossen, man kann also kein Geld abheben), andere Kleiderordnung (Anja muss mit Kopftuch fahren, und mit komplett langen Klamotten, Milan und Ich sind mit langen Hosen gefahren).

An unserem zweiten Tag im Iran sind wir also in unserem Islam-konformen Outfit auf der Straße unterwegs, als uns auf einmal ein Fahrradfahrer mit einem warmshowers.com T-Shirt entgegenkommt. (warmshowers.com ist genau wie couchsurfing ein Netzwerk, bei dem man Freunde finden kann, bei denen man übernachtet wenn man auf Reisen ist. warmshowers ist aber spezielle für Fahrradfahrer)

 

Der Mann stellt sich als Akbar vor und schenkt uns allen eine Limonade. Schon hier waren wir überrascht, dass er genau drei Stück dabei hat. Er hat außerdem 3 Fotoalben dabei, in denen nur Fotos von Tourenradfahrern sind. Hunderte von Fotos von Radlern aus aller Welt, zu allen Jahreszeiten, mit den aussergewöhnlichsten Rädern und alle hat Akbar getroffen und ein Foto mit ihnen gemacht. Diese Strasse durch den Iran ist nämlich eine Engstelle für alle Fahrradfahrer, die nach Indien, China oder Südostasien wollen. Durch Syrien und den Irak will niemand fahren und durch Russland fahren die wenigsten. Akbar erzählt uns, dass er in 27 Monaten 385 Fahrradfahrer getroffen hat. Es gibt hier nämlich ein ganzes Netzwerk von warmshowers usern. Akbar hat Freunde entlang der Strasse, die ihn anrufen, sobald sie Tourenradler sehen. Deswegen ist er uns entgegengefahren. Er hilft ihnen dann, private Unterkünfte zu finden, zeigt ihnen Plätze wo man Zelte aufstellen kann und gibt vor allem jedem einen Zettel mit Namen und Telefonnummern von warmshowers Freunden aus allen größeren Städten im Iran. Alles ist perfekt aufeinander abgestimmt und die Leute wissen sofort bescheid, wenn man sich bei Ihnen meldet. Wir zum Beispiel sind nach Tabriz weiter gefahren, wo wir dann von dem nächsten warmshowers Mitglied Hamed empfangen wurden. Hamed hat uns zum Zeltplatz geführt (In jeder Stadt im Iran gibt es einen Stadtpark, wo man Zelten kann, denn die Iraner lieben Campen und Picknicken über alles.), hat uns durch die Stadt geführt, gezeigt wo wir Essen finden und uns eine Menge über sich und das Leben im Iran erzählt.

 

Also wir uns entschieden haben, einen Ausflug nach Isfahan mit dem Bus zu machen, hat er außerdem organisiert, dass wir unsere Fahrräder bei einem Freund unterstellen können und hat uns zum Bus begleitet.

 

Nach 2 Monaten Türkei dachten wir eigentlich, dass das Maximum an Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft erreicht ist, aber wir haben uns eines besseren belehren lassen.

 

Nachdem wir aus Isfahan zurück kamen, haben wir uns mit den Freunden von Hamed (Mesut und Mehrdad) getroffen, die uns zum Picknick in den Stadtpark eingeladen haben.

 

 Unsere Route Richtung Armenien hat uns die ersten Kilometer wieder auf die Strasse, aus der wir kamen, geführt, so dass wir wieder an Marand (der Stadt, in der Akbar wohnt) vorbei kamen. Wir fahren also wie immer, als uns aus einem vorbeifahrenden Auto ein Foto entgegenwinkt - ein Foto von uns mit Akbar. Hamed hat nämlich in der zwischenzeit Akbar angerufen, ihm Bescheid gesagt, dass wir vorbei kommen und Akbar hat seine Spione auf der Strasse losgeschickt. Also werden wir zu Akbar eskortiert, der schon eine Übernachtung bei einer iranischen Familie für uns organisiert hat. Das warmshowers-Netzwerk kann es wirklich mit der NSA aufnehmen.

 

Nachdem wir nun einige Zeit mit jungen Iranern zu tun hatten, war es interessant einen Einblick in eine ganz normale iranische Familie zu bekommen. Wie immer wurden wir mit einer riesigen Gastfreundschaft empfangen, es wurde gekocht und wir haben uns mit den Eltern und den Kindern unterhalten und Mensch-Ärger-Dich-Nicht gespielt. (Heisst im Iran witzigerweise einfach nur MENSCH).

 

Zuhause bei der Familie hat niemand Kopftuch getragen, es wurde nicht gebetet und auch nicht gefastet (es ist immer noch Ramadan). Wieder einmal wurde uns klar, dass die von der Regierung vorgeschriebenen muslimischen Gesetze nicht die Meinung der Bevölkerung wiederspiegelt. Es mag von außen so aussehen, weil alle ein Kopftuch tragen und bei Ramadan nicht auf der Straße gegessen wird, aber zuhause darf jeder noch machen was er will. Und das ist in vielen Fällen nicht ein religiöses Leben zu führen.

 

Thema Kopftuch: Wir haben im Iran mehr Kopftücher gesehen als im Osten der Türkei. Das lag aber vor allem daran, dass allgemein mehr Frauen auf der Straße waren. Wir hatten auch das Gefühl, dass Frauen sich freier und unbeschwerter Verhalten. Wir können uns nicht daran erinnern, dass Milan oder Ich in der Osttürkei von Frauen angesprochen wurden. Im Iran ist uns das mehrmals passiert.

 

Wir sind übrigens in der ganzen Zeit keinem religösem Eiferer und allgemein wenig Mullahs begegnet. Das Bild vom Iran als Nation voller fanatischen Islamisten gehört eindeutig in die Katogerie der Trugbilder. Die Regierung mag es durch die Medien so wirken lassen, aber die Bevölkerung ist unserer Erfahrung nach keineswegs so verbohrt und konservativ. Für den Iran hat der Unterschied zwischen der Regierung und der Bevölkerung leider die Konsequenz, dass sehr viele jungen, gut ausgebildete Menschen den Iran verlassen.

 

 

 

Auch deswegen konnten wir die Zeit im Iran sehr geniessen, haben einen Kurztrip nach Isfahan mit dem Bus gemacht  (Wegen unserer Visas hätte die Zeit nicht mehr ausgereicht, mit dem Fahrrad zu fahren), wo wir einige der wichtigsten islamischen Bauwerke der Welt gesehen haben und uns in die Gässchen des Bazars geschlagen haben. Es gab zum Beispiel ein Zimmer in einem Palast, wo man sich in die gegenüberliegenden Ecken stellen konnte, die Wand angucken und sich zuflüstern. Die Formen des Zimmers haben die Geräusche so weitergegeben, dass sie genau in der gegenüberliegenden Ecke verstärkt ankamen. Das fühlt sich ein bisschen an wie ein antikes Telefon.

 

Nach 11 wundervollen Tagen im Iran sind wir gestern (mittlerweile schon vor 3 Tagen) über die armenische Grenze gefahren und fahren jetzt Richtung Kaukasus.

 

Philip - Goris (Armenien), 28.09.2014

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Jonas (Montag, 28 Juli 2014 11:46)

    Ein Geschenk des Lebens was ihr da erleben dürft!!!!! :-) Genießt jeden Tag, jede Begegnung!!